Die wütende Lou: Botschafter der stummen Wut

Seitdem ich mein Kinderbuch "Die wütende Lou" nun real zu Hause habe, kam immer wieder der Gedanke auf. Wieso ich Lou auf den ersten Bildern so aufbrausend dargestellt und beschrieben habe. Ich selbst war ein sehr stilles, angepasstes und funktionierendes Kind. Als Mittlere zwischen zwei Brüdern, ein richtiges "Sandwich-Kind" wie man so schön sagt und obendrein noch das Mädchen. Erzählungen zu Folge habe ich anfangs schon versucht meinen kleinen Kopf durchzusetzen. Aber geboren in einer Zeit, wo Kinder still sein mussten, funktionieren und sich anzupassen hatten, wurde dieser Wille wohl schnell gebrochen. Da war ich nun dieses stille, angepasste Kind, dass man überall mit hinnehmen konnte. Das keinen Ärger machte.
Als ich selbst Mutter einer Tochter wurde, wollte ich vieles anders machen, was ich als Kind vermisst hatte. Meine Tochter konnte ich tatsächlich auch "überall mit hinnehmen", aber mit ihr durfte ich wachsen. Was hatte ich denn nun anders gemacht? Habe ich denn als Mutter alles richtig gemacht? Nein, sicher nicht. Für meine Tochter war ich der Fels in der Brandung. Die Löwin, die kämpft. Ich habe ihr zugehört, ihr einen Raum gegeben. Einen Raum in dem sie sicher war, in dem sie sich ausprobieren konnte. Habe ich sie machen lassen, was sie wollte? Nein, nicht unbegrenzt. Ich war die "Leitplanke", die den Rahmen vorgibt. Sie hatte eine sehr lange Leine, um sich auszuprobieren. Diese Leine hieß Vertrauen. Sie war lang, wenn ich ihr vertrauen konnte. Sie war lang, weil sie mir vertrauen konnte. Es war die Offenheit, das Vertrauen und die unerschütterliche Liebe, die mir selbst als Kind gefehlt hat. Aus einer Zeit, wo "um des lieben Friedens willen", gerne alles unter den Teppich gekehrt wurde und die mich stumm werden lies. Das dies in Wirklichkeit das Unausgesprochene, die stumme Wut war, wurde mir erst wirklich bewusst, als ich das Buch nun zu Hause hatte. Schlagartig wurde mir klar, welches "Fass" ich da aufgemacht hatte.
Es ist vielleicht einfach nach Lösungen zu suchen, wenn es offensichtlich ist. Aber was ist, wenn es ganz still und stumm in uns verborgen schlummert? Wenn es so unterdrückt ist und sich vielleicht körperlich äußert? So war es zumindest bei mir. Dieser Kieferschmerz, der irgendwann so laut wurde und nichts wirklich half.
Wenn wir tief in uns hinein spüren und ehrlich zu uns selbst sind - versteckt sich nicht in jedem von uns Wut, vielleicht auch Unzufriedenheit, irgendwo ganz tief in unserem System?
Ist es nicht endlich an der Zeit, der stummen Wut in uns einen Raum zu geben?
Alles Liebe
Sandra




